MALTE BREKENFELD
...und im Paradies, da wohnt der Narr!

MALEREI UND ZEICHNUNGEN

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Rede von Ralf Schleiff zum 25. Bestehen der Sperlgalerie und zur Eröffnung der Ausstellung

Im Schlachten der Zeiten driftet der Mensch unweigerlich von einem Extrem ins andere. Einmal beschwört er das alleinseligmachende Wir, die Masse, in der sich der Mensch so unübertrefflich verlieren kann, will auch heißen, alles Menschliche verliert. Aus der rebellierenden Masse wird dann eine johlende Meute, eine blutrünstige Bestie, die so lange frisst, bis sie selbst und mit ihm der Mensch gefressen wird.
Wenn es also nicht das Wir ist, das uns ins Paradies führt, schlussfolgert der Mensch: Es bleibt uns doch nichts anderes als das Ich, die Pflege des eigenen Ego, das zum Glücklich-sein führen muss. Und so zieht sich der Einzelne ganz auf sich selbst zurück und hält seine kleine Welt für den Widerschein der großen. Und irgendwann, oft genug zu spät, sickert in ihm die Erkenntnis durch, dass es einsam um sein Ich geworden ist. Denn, auch wer um sich selber kreist, verdreht sich den Kopf, um ihn schlimmstenfalls zu verlieren. Das Ich kommt der Wahrheit nicht auf die Spur, weil es durch das Verdrehtsein unweigerlich ins Schwindeln kommt.
Und dann gibt es die fast schon vergessenen Philosophen, die mit sanfter Eindringlichkeit postulieren, es geht im Leben weder um das „Wir“ und schon gar nicht um das „Ich“. Es geht - schlicht und ergreifend - um das Du. Das Leben hat nur einen Wert, wenn wir das Du bemerken, wenn wir uns vom Du berühren und begreifen lassen, denn dann haben wir erst eine Chance, uns selbst zu begreifen. Wenn ich wahrnehme, wie der andere/ die andere - das Du - auf mich reagiert, begreife ich, was ich angerichtet habe, was ich anrichte und was in mir angerichtet ist. Es kommt nämlich nicht darauf an, was in mir steckt, sondern was ich rauslassen kann, was ich meinem Gegenüber, dem Du, zumute bzw. was er sich zumuten lässt. Letztendlich sind wir auf unserer Suche nach Glück und Zufriedenheit auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, wenigstens ein Du zu finden, wenn unser Ich nicht Schaden nehmen will.
Nicht wenige von uns haben das Glück, schon am Frühstückstisch einem Du, oft vor Jahren in Leidenschaft erwählt , zu begegnen, wenn sich dieses nicht hinter einer Zeitung verschanzt, hinter einer Schallmauer aus Radio- oder Fernsehgeräuschen versteckt oder sich irgendwie anders unsichtbar zu machen versucht, um nicht doch noch aus alter Gewohnheit als Du erkannt zu werden.
Aber es gibt ja Gott sei Dank noch andere Möglichkeiten, auf ein, zwei, viele Dus zu stoßen. Z.B. in einer Galerie. Und wenn es jemandem gelungen ist, über 25 Jahre lang eine Galerie zum Treffpunkt von lauter Dus zu machen, dann Uschi und Rainer Sperl. Und das auch und vor allem, weil sie selber, jeder für sich, auch wenn man sie zusammen trifft, ein Du sind, dem zu begegnen ein Segen sein kann. Und wo, wenn nicht hier in dieser Galerie, ist es mir vergönnt bei Ausstellungseröffnungen, so viele Dus zu treffen, die mir seit langem lieb geworden sind. Und dann nicht zu vergessen die Dus, die hier ihre Bilder an die Wände hängen und ihre Skulpturen aufstellen, die Künstler, die uns berühren und ergreifen, auf dass wir uns selbst begreifen, die unser Du herausfordern. Künstler, denen die Galeristen wiederum verständnisvolle und treue Dus sind.
Und eines dieser treuesten Dus ist Malte Brekenfeld, dessen Bilder erst gar nicht lange fackeln, sich nicht zieren, sich darin gefallen, uns anzufallen, damit wir Gefallen daran finden. Wie immer stürzen sich die Malereien und Zeichnungen auf das Betrachter-Du. Selbstbewusst formulieren sie einen aberwitzigen Kosmos, der uns in ein beängstigendes Anderland entrücken will. Malte Brekenfeld begeistert, weil er eine beneidenswerte, seit jeher ungebrochene Freiheit kultiviert, uns abstruse Geschichten, wunderschön beängstigende Pflanzen, filigran ziseliertes Getier und gemeines wie gefährliches Gemensch zu fabulieren. Brekenfeld taucht in tiefste menschliche Abgründe und findet dafür verblüffende Metaphern. Wer hätte je mit dem erschröcklichen Erscheinen eines mit Schusswaffen bewährten Riesenkükens gerechnet? Das blinde Vertrauen in das Unschuldig-Niedliche gebiert eine perverse Monströsität, die so hinreißend wie abstoßend ist. Brekenfeld weiß sich auch Versatzstücken aus der Kunstgeschichte zu bedienen, um sie mit sicherem Gefühl mit seinen Motiven zu kombinieren. Manchmal kommen seine Bilder auch als Camouflage daher. Beschauen Sie seine Jagdbilder im Stil des 19. Jahrhunderts eingehend und in Ruhe. Nur so werden Sie ihres hintergründigen Witzes teilhaftig. Finden Sie den „Yeti“ und erstaunen Sie darüber, was es heißt, wenn 5 Männer und ein Hündin in Erwartung eines Kaninchens sind. Das Anschauen der Bilder von Brekenfeld ist so immer auch eine Entdeckungsreise. Lassen Sie sich von der Gestaltungswut bezwingen, von der Farbigkeit verführen, und Detailreichtum überwältigen und von der Komik enthusiasmieren.
Brekenfelds Bilder sind zum Einen ein Spiel zwischen dionysischem Rausch, dem immer auch eine leise lächelnde Todesahnung innewohnt, und zum Anderen eine klar überlegte, apollinische  Inszenierung, die unweigerlich Hoffnung suggeriert im allgegenwärtigen Chaos. Manchmal beschleicht mich die sachte Ahnung, Brekenfeld fängt unsere Alpträume und bannt sie auf Leinwand und Papier. Und mit dieser Verbannung hilft er – hoffentlich - dem schauenden Du, sich von diesen Nachtmahren zu erlösen.